Seelenspeck als Schutzschild auf dem Arbeitsmarkt

14April2015

Arbeitskultur, oh du wundervolle deutsche Arbeitskultur... Ich arbeite seit 2 Jahren in diesem Land. Manchmal mit Vertrag manchmal ohne- aber nie  hatte mein Vertrag eine längere Laufzeit, als 5 Monate, so auch jetzt nicht.

Man könnte meinen, da hier ein eklatanter Mangel an Deutschlehrern herrscht, sei die Arbeitsmarktsituation auf meiner Seite. Da hatte ich allerdings die Rechnung mit der nicht existenten spanischen Arbeitskultur gemacht. Ich werde euch in diesem Beitrag an einigen Beispielen aus meiner persönlichen Erfahrung berichten, womit ihr rechnen müsst, wenn ihr im Süden arbeiten wollt. Zunächst mal: Auch wenn ihr eigentlich hergekommen seid, um euren sonnenhungrigen Körper im goldenen Licht zu bräunen: Legt euch ein dickes seelisches Fell zu, denn Arbeitnehmer zu sein scheint ein Synonym für Sklave. Also: empleado=esclavo. Und ein weiterer erschreckender Effekt kommt noch hinzu: Die Spanier und auch Deutschen, die schon länger an die Methoden der Chefs gewöhnt sind haben vor allem eins: Angst, ihren mickrig bezahlten Job zu verlieren und sie haben so viel Angst, dass sie sich nicht nur nicht hinter dich stellen werden (Solidarität gibt es nur mit dem Stärkeren!), sondern dass sie dir auch noch in den Rücken fallen werden, um Liebkind mit dem Chef zu machen. Auf gut Deutsch: Hier gibt es kaum Menschen, die Rückgrat haben. 

Doch ich will nicht zu lange abschweifen und schildere euch Beispiel Nummer 1- im April des Jahres 2014: Kleine Ausbildungsfirma: Deutsch für den Beruf. TELC Zertifiziert. Geschäftsleitung Spanien: Die unqualifizierte und ausgediente Ex-Geliebte des eigentlichen Deutschen Geschäftsführers, der in Berlin sitzt war meine Vorgesetzte: Behauptete TELC-Prüferin zu sein, konnte selbst aber nicht wirklich Deutsch. Kam grundsätzlich nicht vor 12 ins Büro, in dem noch im April die Weihnachtsdeko hing. Und nicht nur eine vergessene Christbaumkugel, nein, die volle Montur. Lohn: 13€/Stunde. Zahlungsmoral: Nur nach Androhung von gerichtlichen Konsequenzen. Vermutung: Die deutschen Subventionen wurden höchstmöglich in die Gehälter der Geschäftsleitung investiert. Aussage des Partners am Telefon: Frau XY hat sich die Subventionen erst mal auf ihr Privatkonto überwiesen."

Führungsstil des Teilhabers: Divide et impera. Er hat bewusst vertrauliche Information über die Mitarbeiter bei anderen Mitarbeitern gestreut, um so Zwiespalt zu sähen und bei den Einzelnen in unnütz langen Gesprächen (Aushorchtechnik) hauptsächlich am Wochenende!!! stets informiert zu sein. Er hat Posten in Aussicht gestellt, die er jedoch vermutlich nie wirlklich anbieten konnte, oder wollte.

Material und Räumlichkeiten: Material nicht funktionsfähig, Räumlichkeiten wurden nie gereinigt, die Kandidaten wurden über zukünftigen Arbeitsplatz, Prüfungsmodalitäten und Gehalt mutwillig getäuscht. Umgang mit dem Lehrpersonal: Keine Manieren, steil-hirarchische Anordnungen, die teilweise sinnlos waren und willkürlich. Keine Gesprächsbereitschaft. Keine Führungskompetenz. Keine Priorisierungs-kompetenz.

Betrügerische Strukturen mit besten Kontakten zum Deutschen Ministerium für Arbeit und Soziales: Facebook-Foto mit Ministerin von der Leyen (Imponier-Stil und Einschüchterungstechnik). Von einer Kollegin, die schon viele Jahre als Deutschlehrerin arbeitet habe ich erfahren, dass man eine Schülergruppe von Krankenschwestern nicht nur sexuell ausgebeutet hat (der Chef hatte ein Verhältnis während der Sprachausbildung mit zweien der jungen Damen), sondern sie auch um Bargeld betrogen hat. So wurde eine unwahrheitsgemäss hohe Prüfungsgebühr von 400€ in Deutschland verlangt, um die nicht bestandene TELC Prüfung zu wiederholen, ein vielfaches der tatsächlichen Prüfungsgebühr.

Ende des Arbeitsverhältnisses: Als ich die Geschäftsführerin zur Rede stellte, wusste sie nur irritiert mit einem Rausschmiss zu reagieren. Da bin ich gerne gegangen. Bezahlt wurde ich mit einer Verspätung von beinahe 2 Monaten. Konsequenzen für das Unternehmen: keine. Allerding scheinen Sie seit Ende 2014 nicht mehr zu existieren.

Beispiel Nummer 2: Grosse Sprachschule in Murcia, Vorstellungsgespräch.

Es war mein zweites Vorstellungsgespräch in Murcia. Ich hatte mir ein Etuikleid angezogen, mich fein gemacht, meine Unterlagen und Zeugnisse alles dabei und wurde erst mal eine Stunde warten gelassen. Dann hatte ich ein recht angenehmes fachliches Interview mit dem akademischen Leiter. Danach sollte ich mit dem Chef reden. Der bat mich in sein Büro, liess mich dort auch erst mal 20 Minuten sitzen, ging unten einen Kaffee trinken, kam dann wieder und musste nach einem kurzen "Hola" sein Handy beantworten. Respektlos und dreist. Anscheinend war er sich dessen nicht bewusst, dass man sich auch bei Untergebenen blamieren kann. Er hat mir schliesslich das generöse Angebot gemacht, für ihn erst mal 6 Wochen umsonst zu arbeiten. Ich konnte es nicht fassen. über den weiteren Lohn hat er mich nicht informiert. Ich verliess das Gespräch und ich fühlte mich so gedehmütigt, dass ich Tränen der Wut weinte. Der Typ hat mich noch 3 Mal angerufen. Ich habe versehentlich mal einen seiner Anrufe beantwortet und gesagt, dass ich an einer Zusammenarbeit mit ihm TOTAL nicht interessiert sei.

 

Beispiel Nummer 3: Junges Familienunternehmen, Arbeitszeit: 1 Jahr.Perspektiven betrifft. Gefälschte Lohnabrechnungen, um weniger Lohnnebenkosten zu zahlen. Ich wurde gezwungen im Juni eine Kündigung und den Erhalt eines Kündigungsausgleiches zu unterschreiben, den man mir niemals ausgezahlt hat. Man hat mir gekündigt, um mir nicht den Sommermonat (Urlaubsmonat) zahlen zu müssen. Das heisst: Während dem Monat Juli war ich nicht sozial- und krankenversichert. (Zum Glück habe ich dann einen anderen Vetrag mit einer anderen Firma unterzeichnet.) Das wurde so mit allen Mitarbeitern gemacht. Da wir aber nur wenige Stunden gaben, ich kam nie über 300€/ Monat, bin ich stetig verarmt. Man versprach mir immer, es würde bald besser werden. Deswegen musste ich immer wieder andere Wege finden, dazuzuverdienen.

Als man mir dann im November eine Unterrichtseinheit einfach gar nicht bezahlt hatte, wurde ich sehr ärgerlich. ich hatte einen Stunden-abkommen (Vertrag gabs da schon keinen mehr) und der Vater der Chefin (der immer die unangenehmen Entscheidungen mit den jungen Mitarbeitern kommunizierte) rechtfertigte dies mit 20 Werktagen pro Monat. Unglaublich. Mir wurde ein kompletter Tag nicht gezahlt, da es in diesem Monat 5 Freitage gab. Ein Scheinargument auf Grundlage eines nicht existenten Vertrages.

Wenn es Feiertage gab, mussten wir jedesmal die ausgefallenen Stunden nachholen, da das die Eltern der Schüler verlangten. Ferien bedeuteten also doppelten Stress. Ich habe mal eine Mutter an der Rezeption zurechgewiesen, dass wir auch mal ein Recht auf Urlaub hätten. Die hat mich nur verdattert angesehen.

Als ich mit einer Frist von drei Wochen (ich hatte ja keinen Vertrag, hätte also auch direkt gehen können) kündigte, empörte man sich, dass man ja jetzt einen neuen Deutschlehrer finden müsste. ich hatte eine Lungenentzündung im Dezember bekommen und man wollte mich dann zwingen, eine kostenlose Einarbeitung während meiner Krankheit für die neue Lehrerin zu leisten. Ich habe mich geweigert und versucht, ihnen ihr unmögliches Verhalten zu spiegeln: Keine Einsicht...

Beispiel 4: Expandierende Sprachschule mit Schwerpunkt subventionierte Ausbildung von Arbeitsmigranten in Mangelberufen

Vorstellungsgespräch: Professionell. Keine Information über Gehalt in Phase I. In Phase II Aussagen über Gehalt. Vergleichsweise schlechte Bezahlung. Netto 10€/ Stunde. ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Kurse vom Deutschen Arbeitsamt bezahlt werden. Vermutlich starke Umverteilung der Summe für die Kurskosten, da zusätzliche Stelle geschaffen wurde, oder, um Geschäftsführergehalt aufzubessern.

Führungsstil: Keine konstruktive Kritik erwünscht, jedoch Bereitschaft, Vorschüsse zu zahlen. Gut: Verwaltungsangestellte, die zu den üblichen Bürozeiten anwesend ist. Schlecht: schlechte Räumlichkeiten, kaputtes Abflusssystem. Stinkt. Vermutlich auch tote Ratten in der Zwischendecke. Haben anscheinend nur eingeschränktes Recht, den Kopierer zu nutzen. Mir wurde schon verweigert, Kopien zu machen.

Schüler werden auch als Wahre behandelt. Es gab in meinem Kurs zwei Abbrecher. Diese wurden sofort durch zwei neue Schüler ersetzt. Diese Schüler wurden aber erst zu Ende des A1 Niveaus hinzugenommen. Schwierigkeiten für die Neulinge Mitzukommen. Nachhilfestunden werden zwar angeboten, werden aber wegen starker Raumauslastung oft abgesagt.

Als ich mich gegen ein solches Verfahren aussprach, wurde ich aggressiv zurechtgewiesen, dass wir froh sein könnten, als Lehrer dabeizusein (muss man sich mal vorstellen: DIE haben Lehrermangel und WIR sollen froh sein!).

Wir geben täglich 6 Stunden Deutschunterricht im Block. Das ist sehr intensiv. Man hat uns tatsächlich angeboten, einen weiteren Kurs schwarz zu übernehmen, 5 Stunden Nachmittags, aber für weniger Stundenlohn- ich war sprachlos! Noch dazu in meiner kurzen Pause.

Nun war ich wieder krank geworden: Eine Asthma-Attacke mit Notaufnahmen-Behandlung. Noch am selben Tag versuchte man mich anzurufen und man hat mir 2 Emails geschrieben, ich solle sofort bescheid geben, ob und wie ich weiterhin fehlen werde. Ich hatte noch nicht mal meinen Facharzt gesehen und wusste selbst nicht, was mit mir passieren würde. Wieder einmal: Kein Respektieren der Privatssphäre, penetrante Kontaktsuche im akuten gerade einmal wenige Stunden währenden Krankenstand. Und heute indirekte Drohung mit Kündigung. "Man sehe nun, wie sich die Situation weiterhin entwickelte und wenn ich tatsächlich drei Tage fehlen würde, müsse man ab Montag einen Ersatz für mich einsetzen." Meine Kollegin sicherte mir zu, dass es für sie kein Problem sei, meine 8 Schüler einen weiteren Tag zu nehmen, bis ich wieder auf dem Damm sei. Ich war sprachlos und sehr sehr wütend. Man behandelt sowohl die Schüler, als auch die Lehrer wie lebende Wahre und lebende Maschinen.

Also, wenn ihr in Spanien arbeiten wollt: Legt euch schon mal Seelenspeck zu! Denn die darf nicht blank und verletzlich daliegen. Sonst wird sie auf dem Arbeitsmarkt zum Frühstück verspeist! Das ist hier das Lieblingsessen. R.I.P.: Arbeitsrecht, unbefristete Verträge, bezahlter Urlaub, faire Bezahlung, transparente und offene Kommunikation, Respekt und Würde, Ehrlichkeit...

 

 

Españolizandome...

15Nov2014

Liebe Leser, liebe Freunde,

heute habe ich einen Termin ausgemacht und dass für sieben Uhr am Nachmittag. Da habe ich mich selbst ertappt, dass ich mich bereits vom deutschen Zeitverständnis gelöst habe - wie oft erkläre ich meinen Schülern, was für einen Deutschen "Mittag", "Abend" und "Nachmittag" bedeutet. Verbissen versuche ich, zu deutschen Zeiten zu Mittag und zu Abend zu essen, weil ich mir einbilde, dann einfach mehr vom Tag zu haben. Das bedeutet allerdings, dass ich dann meistens alleine esse. Was den Biorythmus angeht, mache ich also Kompromisse: Spanische Tageseinteilung aber deutsche Essenszeiten.

Bei anderen Punkten habe ich nach wie vor Schwierigkeiten- Lärm zum Beispiel. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass hier niemals Ruhe herrscht. Und es scheint nur mich zu stören. Im Haus in dem ich wohne hält jemand auf dem Balkon einen Hund. Der Hund bellt in seiner Einsameit und Verzweiflung oft stundenlang und "ruft" regelrecht nach Aufmerksamkeit. Mal davon, dass es einem fast das Herz zerreisst, wenn man ein bisschen etwas von der Tierpsyche versteht geht es mir sehr arg auf die Nerven. Ich habe mal bei der Hausverwaltung angerufen und die haben gesagt, sie würden die Besitzerin kontaktieren- fest steht: Der Hund bellt nach wie vor- und das tagaus tagein.

Ein weiterer Punkt: Ich wohne in einem Viertel, in dem vor allem junge Familien wohnen. Toll, dachte ich mir, dann hab ich Nachts nicht die Besoffenen singend vor der Tür stehen. Stimmt auch. Nachts höre ich nur den 19-Jährigen Nachbarssohn besoffen nach Hause torkeln, manchmal kann man dann Sonntagsmorgens im Aufzugspiegel einen mit Spucke gemalten Penis sehen. Darunter steht dann, ebenfalls mit Spucke gemalt: MC Polla. Irgendwie sympatisch, der Kleine, wie er sich da im Dilirium von der Kreativität packen lässt. Immerhin nimmt er keinen Edding. Soweit, sogut. Meine-Penis-mal-Aufzug-torkel Zeiten sind ja auch nicht sooo lange her. Dementsprechend schätze ich wenige Dinge so sehr, wie ein Samstagmorgen, an dem ich mal richtig lange schlafen kann. Wären da nicht die ****Plagen aus der Nachbarschaft. Einer hat eine Stimme, wie ein kastrierter Hofsänger- ich habe keine Ahnung wie das Kind heisst, aber ich weiss all die Namen seiner Freunde und noch etwas anderes: Ich hasse ihn und seine Eltern noch mehr! Wie oft hat mich seine weibische Kreischstimme schon aus einem sanften Mittagsschlaf gerissen... Wie oft hatte ich nach dem Aufwachen Herzrasen und dann Mordfantasien... 

Spass beiseite. Wirklich wütend werde ich, wenn diese kleinen Plagen Samstags morgens die Nachbarschaft mit Böllern aufwecken. Ich hatte mal einen netten Zwischenfall als das genau vor meiner Tür passierte. Ich gucke nach guter Alt-Oma Manier aus dem Fenster und was muss ich da sehen? Fünf Plagen im Sonntags-Staat mit Schleifchen im Haar und polierten Lackschühchen, die Böller schmeissen- und das beste: Die Besitzerin und vermutlich auch Erzeugerin dieser Teufelsbrut sitzt genau daneben und checkt seelenruhig ihr Smart-phone. Die hat sich völlig im Recht gefühlt. Hat sich erst gar nicht von meinem Verbalen Wutausbruch beeindrucken lassen... Bis ich den Wassereimer geholt hab...

Lange Rede kurzer Sinn: Lautstärke ist hier eindeutig nicht mit dem Habitus der sozial schwächeren Klassen asoziiert. Man ist hier laut, das völlig selbstbewusst und in Lack-Schuhen. Tja. Wieder was gelernt.

Deutschsein und Sprache

27Feb2014

Heimweh! Wer hätte DAS gedacht?

Ich sehne mich danach, unsere schöne deutsche Sprache zu sprechen, wo ein Wort noch ein Wort ist, das dir jemand gibt. Wo man Wort hält, weil Worte nicht nur Wörter sind. Wo jedes zusammengesetzte Substantiv auch eine feste Bedeutung hat - Lohn-ab-rech-nungen zum Beispiel sind tatsächlich Abrechnungen des Lohnes. Mal davon abgesehen, dass das Wort "Lohn" Wort hält und das richtige Signifikat für den Signifikanten gewählt wurde.

Ich habe also nicht Heimweh nach Personen, nein. Ich habe Heimweh nach meiner deutschen Menthalität, die sich für mich in Sprache wiederfinden lässt und besonders auch in dieser widerspiegelt. Ich weiss nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich arbeite in teilzeit als Deutschlehrerin hier in Spanien. Ich habe unter anderem Spanische Philologie studiert und ich glaube, dass mich das noch mehr für den Beruf als Deutschlehrerin qualifiziert, als etwa ein DAF-Studium dies könnte. Warum? Ganz einfach: Weil ich ganz ähnliche Emotionen beim Erlernen einer Fremdsprache durchlitten und erfahren habe, wie meine Schüler jetzt hier; weil ich mir das Spanische mit Lebenserfahrung erkämpfen musste, weil ich auch mal durch Prüfungen gefallen bin; weil mich "Spanisch" auch mal richtig angekotzt hat; weil es mich immer wieder neu überrascht hat, wie man Gedanken anders formulieren kann. Weil Lorcas Spanisch anders klingt, als Kafkas Deutsch. Weil Lorcas spanische Worte andere Gedankenstrukturen malen können, als Kafkas harte deutsche Worte, die das gefrohrene Meer in ihm zerschlagen. Sprache ist Ausdruck von Kultur, die sich Jahrhunderte lang über eine natürliche Landschaft gewebt hat. Sie hat ihre eigene Logik, ihre eigene Subtilität, ihren eigenen Aktionsrahmen, den die Lyriker ständig wagemutig übertreten...

Witze, sagt man, kann man nicht übersetzen; Lyrik verliert so viele Aspekte durch Übersetzungen und wird gleichzeitig neu interpretiert. Übersetzungen sind nur Gehhilfen, um die Gedanken der anderen zu verstehen. Denken, fühlen und leben wie der andere... dann redet man auch wie der andere. Letzte Woche nannte man mich "Yoda" weil ich die spanischen Sätze immer noch teilweise mit deutscher Logik spreche... Will ich mich anpassen? Muss ich mich anpassen? Werde ich es automatisch mit der Zeit tun, jetzt wo mir mein Deutschsein erst bewusst geworden ist und ich beginne, es zu schätzen, ja zu lieben?

Deutsche, ich sage euch: Im Ausland werdet ihr merken, wie Deutsch ihr eigentlich seid. W-o-r-t drauf!

Die hässlichste Seite der Krise

26Feb2014

Liebe Leser, liebe Freunde,

ich schreibe euch gerade mit Tränen in den Augen, die eigentlich nicht versiegen dürften, gibt man zu, dass sie mir nur zu entlocken sind, wenn ich mit dem Thema und den mehr oder weniger drastischen Bildern konfrontiert bin, die in verschiedenen Kurzreportagen zu sehen waren.

Wie man sich so durch seinen selbststrukturierten Alltag klickt als Teilzeitarbeitslose Deutsche in Spanien macht man sich absurderweise Gedanken über Ferien. Die nimmt man hier vorzugsweise im August und dann am Stück 4-6Wochen - da ist arbeiten nahezu unmöglich... Und wie ich da so surfe und den ein oder anderen FB Eintrag kommentiere kommt mir doch wieder ein Thema unter, das mich schon letztes Jahr geradezu verstört hatte: Andalusiens verwilderte Pferde...

Klingt ja ganz mal wieder ganz romantisch: Wehende Mähnen von wilden und freien Pferden, stolz gallopierend über den andalusischen Boden... Ja, meine lieben deutschen Freunde, so ist es leider nicht. Seit Beginn der Krise 2008 werden vor allem in Andalusien täglich an die 30 Pferde aufgefunden und der Polizei gemeldet, weil sie in der Nähe von Landstrassen und Autobahnen grasen und freilaufen oder noch viel schlimmer: In einen Autounfall verwickelt waren. Das geht oft schlimm aus, für beide Seiten, Tier und Mensch. Da es keine Straftat ist, ein Tier auszuwildern, sondern lediglich ein vergehen, sehen viele Pferdebesitzer, die sich die 500EUR monatl. für Unterstand und Futter nicht mehr leisten können die pragmatischste Löung in dieser Handlung. Viele noch halbwegs verantwortungsbewusste Besitzer verkaufen ihr zum unbezahlbaren Luxus gewordenen Tier auch - meist unter Wert - für 300EUR an den Schlachter, wo sie zwar ein schreckliches aber schnelles Ende finden und nicht lange Qualen leiden müssen; dies ist der Fall bei den wohl schrecklichsten Funde, den die Polizei, Tierschützer aber auch Spaziergänger in Andalusien immer wieder machen: Manche Tierbesitzer setzen ihre Pferde aus und binden sie an einem Pfahl an, damit sie keinen Schaden verursachen. Die Tiere werden dann - entweder völlig abgemagert oder bereits tot - in der Mitte eines abgenagten Graszirkels gefunden, oftmals nach Tagen in der Hitze ohne Futter und Wasser. Die Berichte wurden auch im NDR ausgestrahlt (http://www.youtube.com/watch?v=XDmVpMRl1yQ) und im ZDF. Sogar RTL berichtete: http://www.rtl.de/cms/news/rtl-aktuell/pferdeskandal-in-spanien-zehntausende-pferde-ausgesetzt-oder-geschlachtet-2bea7-51ca-17-1420239.html

Glücklicherweise gibt es eine Tierschutzfarm in Andalusien, geführt von den Schwestern Concordia Márquez und Virginia Celebra: Auffangstation Santa María bei Málaga. Als ich meien Magisterarbeit schrieb, sah ich eine der verstörenden Reportagen und schwor mir: wenn ich endlich wieder Zeit habe, dann gehe ich auf diese Farm und helfe! Und heute habe ich meine kleine Email geschrieben... Drückt mir die Daumen, dass es klappt im August und ich kann euch vielleicht mehr berichten.

Die hässlichste Seite der Krise ist ohne Frage der Hungertod dieser edlen Geschöfpe,die von ihren Besitzern oftmals nur gekauft wurden, um als Statussymbol zu dienen und dann weggeworfen werden, wenn es nichts mehr zu symbolisieren gibt. Es ist traurig zu sehen, wie mit Lebewesen umgegangen wird, wenn es um Geld geht. Und die unschuldigsten von allen sind für mich Tiere; denn sie sind uns Menschen treu ergeben, vertrauen uns und brauchen uns. Wer ein Tier hat, hat auch Verantwortung. Und Werte wie Verantwortung sind es doch, die zählen, oder nicht? Denn wenn alles Geld weg ist, dann bleiben uns noch die Werte. Wer keine Werte hat, ist wertlos... mit und ohne Geld!

Lebenszeichen nach sechs Monaten

25Feb2014

Spanien ist Mitgliedsstaat der EU. Spanien ist des Deutschen Urlaubsparadies seit den 1970ern. Spanien... so viel Geschichte, Kultur, so viele stereotype Assoziationen die dank eines immer schneller zu überwindenden Reiseweges von individuellen Eindrücken und persönlichen Erfahrungen von Menschen aus aller Welt aufgefüllt werden...

Um einige jener zu Stereotype verkommenen Elemente  zu nennen:

Stierkampf, gepunktete andalusische Kleider, Flamenco, die katholische Kirche und katholische Kirchen, Kolonialgeschichte, die arabische Belagerung durch die Mauren und die Rückeroberung durch die katholischen Könige, Don Qijote und Sancho Panza...

Spanien, es erstreckt sich über eine Fläche von 504.645 km² und beherbergt laut Wikipedia 46.704.314 Einwohner.  Es ist hat ein starkes Gebirgsrelief und viele Hochebenen und sein Klima, das wir deutschen geradezu anbeten ist als mediterran zu bezeichnen, zumindest am Mittelmeer, da wo wir uns gerne aufhalten, um uns rotbraun von der Sonne des Südens backen zu lassen. (Dieses exessiv-touristische Verhalten hat uns bei den Spanier übrigens den Namen "gamba alemán" eingebracht).

Spanien hat auch eine wildere und rauhere Atlantikküste. Spanien, das ist nicht nur Andalusien, Mallorca oder die Kanaren; Spanien ist auch Gallizien, das Baskenland, Asturien- oder im Zentrum, in Don Qijotes Fleckenland - la Mancha - wo man vom kontientalen Mitteleerklima spricht und die Temperaturschwankungen dem gleichmütig wetterkonditionieren Deutschen die weissen Sportsocken auszieht.

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich das wunderschöne Granada, das der letzte muslemische Herrscher Boabdíl nicht wie ein Mann zu verteidigen wusste und um das er daraufhin tadelnswerterweise wie eine Frau weinte. (den Tadel soll so seine eigene Mutter ob seiner Tränen der Entehrung ausgesprochen haben.

Spaniens Staatsform ist die konstitutionelle Monarchie, seitdem sich Franco anständigerweise nach einer beinahe 36jährigen Diktatur in seinen  Sarg zurückzog. Der regierende König ist Don Juan Carlos I, der übrigens vom "caudillo" höchstpersönlich unter die staatsmännischen Fittiche genommen wurde... Und Spaniens Präsident, "el caracól", wie ich persönlich ihn gerne nenne, ja, das ist señor Mariano Rajoy. Warum "caracól", also "Schnecke"? Das soll fürs erste unkommentiert bleiben. Ebenso wie Spaniens aktuelle politische Situation.Mal sehen wie lange es mir gelingt, wo ich mir ausgerechnet den krisengeschüttelten, oder sagen wir besser: den krisenerschütterten Süden, región autónoma Murcia als Ziel meiner Auswanderung erwählt habe. Das liegt daran, dass der Mann seinetwegen ich meinen Lebensmittelpunkt dorthin verlegt habe nuneinmal aus Totana, Murcia stammt.

Und jetzt, da ich schon mal hier bin und wir außerdem einen Kater adoptiert haben kann ich ja auch gleich hier bleiben und euch, werte Leser, Freunde, Interessenten und talentfreien Journalisten von meinen Erfahrungen berichten... und die sind in der Tat kurioser, als ich mir das seinerzeit, als ich den Entschluss gefasst hatte, meine Kisten via UPS nach Spanien zu verschicken, gedacht hatte. Macht das übrigens NICHT NACH!!! Der UPS-Mann war schon stinksauer, als er gemerkt hat, was da seine Fracht ist und meine Sachen tragen deutliche Spuren davon, zumindest die Sachen, die ich heute noch benutzen kann. Einige sind auch verschwunden oder gar ganz kaputt... War auch eine blöde Idee, Geld zu sparen und die Sachen deswegen per UPS zu schicken. Ich hätte sie besser einfach alle weggeworfen, so wie man das bei einem ordentlichen Neuanfang so macht. Ich wäre übrigens generell gut beraten gewesen, meine Identität wegzuwerfen und mir eine neue zu suchen, statt meine deutsche Mentalität, etwas angedellt und staubig, wie der Inhalt meiner UPS-Kisten im Gepäck mitzunehmen... Ich glaube, ich hätte es oftmals leichter  gehabt...!